Positionen

Thesen zum Phänomen Neosalafismus von Dr. Michael Kiefer

Der Begriff „Salafismus“

„Salafismus“, der in der in der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft ausschließlich für eine Form des religiös begründeten Extremismus steht, führt bei vielen Muslimen immer wieder zu Missverständnissen und Irritationen, da der Terminus im religionsgeschichtlichen Kontext eine positive Konnotation aufweist. Der Begriff „salaf“ (Altvordere) bezeichnet die Gefährten des Propheten, deren Wirken in der traditionellen islamischen Literatur unisono als vorbildlich zur Darstellung gebracht wird. Ausgehend von dieser historisch verbürgten Betrachtungsweise erscheint eine Übertragung des Begriffs „salafiyya“ auf zeitgenössische radikal islamistische Gruppen nicht sinnvoll, da er in der Diskussion mit Muslimen zu gravierenden Missverständnissen führen kann. Deshalb wird hier zur Abgrenzung deshalb der Begriff „Neosalafiyya“ bzw. „Neosalafismus“ vorgeschlagen.

Die neosalafistische Bewegung

Die neosalafistische Bewegung ist sehr heterogen. Nicht alle Teile vertreten eine gewaltbefürwortende Ideologie und können daher nicht Gegenstand polizeilicher und kriminalpräventiver Maßnahmen sein. In den Medien wird seit zwei Jahren der Neosalafismus als eine homogene, tendenziell gewaltförmige Bewegung zur Darstellung gebracht. Generiert wird diese Sicht der Dinge durch die Berichterstattung der Verfassungsschutzbehörden, die lediglich zwischen einem „politischen“ und „jihadistischen“ Salafismus unterscheiden. Ferner wird davon ausgegangen, dass es einen fließenden Übergang vom politischen zum jihadistischen Salafismus gäbe. Aus islamwissenschaftlicher Perspektive kann dieser Kategorisierung widersprochen werden. Neben Gruppierungen, die dem „politischen“ oder „jihadistischen“ Spektrum zugerechnet werden können, gibt es Zusammenschlüsse oder Einzelpersonen, die einer puristisch orientierten Strömung zugerechnet werden können.

Der Begriff „Radikalisierung“

Der Begriff „Radikalisierung“ weist erhebliche Unschärfen auf. Präzise und überprüfbare Kriterien, aufgrund derer ein Radikalisierungsgeschehen erfasst und bewertet werden kann, sind derzeit für Wissenschaft und gesellschaftliche Handlungsfelder (Schule, Jugendhilfe und Gemeinde) nicht gegeben. Auffälliges Verhalten von Jugendlichen, insb. das demonstrative Bekenntnis zu neosalafistischen Akteuren und ihren Aussagen, ist nicht zwangsläufig Ausdruck einer Radikalisierung.

Die oberflächliche Betrachtung jugendlicher Selbstentwürfe, die sich religiöser Symbole und Aussagen bedienen, können leicht fehlinterpretiert werden. Das Tragen „islamischer“ Kleidung und demonstrativ gelebte Religiosität müssen nicht zwangsläufig mit einer gewaltaffinen Haltung einhergehen. Vorschnelle Bezichtigungen, die von Lehrkräften oder Akteuren der Jugendhilfe vorgenommen werden, können unerwünschte Effekte – z.B. Beziehungsabbrüche – herbeiführen. Pädagogische Interventionen bedürfen der sorgsamen Vorbereitung und können nur auf der Grundlage von mehrfach überprüften Informationen durchgeführt werden.

Die neosalafistische Jugendbewegung

Der Wissenstand über die neosalafistische Jugendbewegung und Ihre Rekrutierungs- und Mobilisierungsstrategien ist unzureichend. Derzeit gibt es keine präzise Bestandsaufnahme des neosalafistischen Spektrums in Deutschland.

Die schnell wachsenden neosalafistischen Bewegungen sind bisher nicht Gegenstand einer systematischen interdisziplinären Forschung. Bislang vorgelegte Berichte (unter anderem aus Polizeikontexten) und Expertisen bemühen sich zumeist um eine deskriptive Erfassung des Phänomens. Aus der Perspektive einer sozialraumbezogenen Präventionsarbeit brauchen wir vor allem möglichst detailreiche Analysen zu Rekrutierungsanstrengungen neosalafistischer Akteure.

 

Die Leitfragen lauten hier:

Welche Gruppen werden von neosalafistischen Akteuren fokussiert? An welchen sozialen Orten treten Aktivisten in Erscheinung? Wie erfolgen Ansprachen? Welche Versprechungen werden gemacht und welcher Methoden bedient sich die „Bindungsarbeit“?

Der wissenschaftliche Erkenntnisstand

Gleichfalls unzureichend ist der wissenschaftliche Erkenntnisstand zu sogenannten Radikalisierungsprozessen. Allgemein wird von einer multifaktoriellen Verursachung ausgegangen. Hierbei bleibt bislang jedoch unklar, welche Faktoren als bedeutsam oder weniger bedeutsam eingestuft werden können.

Radikalisierung ist ohne jede Frage ein komplexes Geschehen. Die Welle der nach Syrien ausgereisten jungen Aktivistinnen und Aktivisten aus dem neosalafistsischen Spektrum untermauert die These, dass der gewaltbereite Neosalafismus junge Menschen in der Altersgruppe zwischen 15 und 25 Jahren anspricht. Ferner kann auf der Grundlage vorliegender Biografien konstatiert werden, dass scheinbar Jugendliche und junge Erwachsene aus bildungsbenachteiligten Milieus anfällig für neosalafistische Eindeutigkeitsangebote sind. Schließlich zeigen die religiösen und weltanschaulichen Hintergründe der Ausreisenden, dass der Neosalafismus sich längst zu einem Phänomen entwickelt hat, das die gesamte Gesellschaft betrifft. Auf Grundlage der vorliegenden Beobachtungen, die keinesfalls als umfassend angesehen werden können, lassen sich jedoch Radikalisierungsverläufe nicht schlüssig rekonstruieren.

Die Radikalisierungsprävention

Radikalisierungsprävention ist ein voraussetzungsreiches Unterfangen. Eine erfolgreiche Prävention kann nur auf der Grundlage präziser Zielsetzungen und fundierter Sachkenntnisse durchgeführt werden.

Akteure der Präventionsarbeit isolieren und korrelieren mutmaßliche Risikofaktoren und versuchen pädagogische Handlungsstrategien zu entwerfen. Dieser Prozess hat ein wissensbasiertes Fundament zur Voraussetzung. Unsystematische Beobachtungen, Kolportagen von Sozialraumakteuren und darauf aufbauende Mutmaßungen ersetzen keine wissenschaftliche Expertise. Die klassischen Felder einer jeden Präventionsarbeit umfassen in Anlehnung an Caplan und Gordon die Felder: 1. Primäre oder universelle Prävention, 2. Sekundäre oder selektive Prävention und 3. Tertiäre oder indizierte Prävention. In mehreren europäischen Ländern gab es in den zurückliegenden zehn Jahren aufwendige Präventionsprogramme, die Maßnahmen in allen Präventionsbereichen umfassten. Die Steuerung der Präventionsprojekte lag oft bei den Sicherheitsbehörden. Dadurch entstand bei Muslimen unter anderem der Eindruck, der Staat würde Präventionsprogramme durchführen um Muslime zu bespitzeln. Maßnahmen der primären und sekundären Prävention sollten daher von zivilgesellschaftlichen Trägern durchgeführt werden.

Die Präventionsarbeit

Die Präventionsarbeit in Jugendhilfe und Schule ist Aufgabe der in diesen  Bereichen tätigen professionellen Fachkräfte. Akteure der Sicherheitsbehörden und des Verfassungsschutzes sollten in diesen Bereichen nicht tätig werden, da hierdurch eine unerwünschte „Versicherheitlichung“ der Präventionsarbeit und negative Wir-Gruppenanordnungen eintreten können. Ferner ist zu konstatieren, dass Akteure aus dem Verfassungsschutz sich ausschließlich auf ihre Kernaufgaben beschränken sollten. Pädagogische Interventionen sind ausschließlich Aufgabe des pädagogischen Fachpersonals, das im Regelfall über die zwingend erforderlichen fachlichen Voraussetzungen verfügt. Präventionsarbeit ist außerdem kein ausschließliches Arbeitsfeld der muslimischen Gemeinden, da die Anhängerschaft des Neosalafismus sehr heterogen ist.

Die Zielgruppe von Präventionsmaßnahmen

Präventionsmaßnahmen im schulischen und außerschulischen Bereich, die ausschließlich oder mehrheitlich auf eine muslimische Zielgruppe ausgerichtet sind, können zu unerwünschten negativen Markierungen oder gar Stigmatisierungen führen. In den bisherigen Ausführungen dürfte deutlich geworden sein, dass die Radikalisierungsprävention ein gesamtgesellschaftliches Handlungsfeld darstellt. Präventionsprogramme, die ausschließlich muslimische Zielgruppen fokussieren, werden der Faktenlage nicht gerecht und markieren die Zielgruppe negativ. In der neosalafistischen Mobilisierung finden wir in einem hohen Ausmaß Konvertiten als Akteure, die aus differenten ethnischen, religiösen oder weltanschaulichen Kontexten stammen. In der jihadistischen Szene finden wir Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, ehemalige Christen, Atheisten und Muslime.

Die Vernetzung im Sozialraum

Eine sozialraumbezogene Radikalisierungsprävention benötigt funktionierende Partnerschaften mit allen relevanten muslimischen und nichtmuslimischen Akteuren des Sozialraums. Die Erfahrungen der vergangenen fünf Jahre zeigen überaus deutlich, dass Partnerschaften partizipativ und gleichberechtigt gestaltet werden müssen. Asymmetrische Partnerschaften, die durch Machtrelationen gekennzeichnet sind, führen zu kontraproduktiven Effekten, die die Erreichung der Präventionsziele gefährden können.

Die Festlegung der Präventionsziele, die Auswahl der Akteure und Formate sollte möglichst in gleichberechtigten Partnerschaften erfolgen. Fertige Konzepte, mit festgesetzten Rahmenbedingungen und Durchführungsbestimmungen stoßen bei nichtstaatlichen Organisationen und muslimischen Gemeinden selten auf ungeteilten Zuspruch. Das Thema Radikalisierungsprävention trifft insbesondere bei muslimischen Gemeinden auf mitunter erhebliche Vorurteile, die in den vergangenen Jahren durch islamfeindliche Diskurse genährt wurden. Bei der Anbahnung von Partnerschaften sollten bestehende Sensibilitäten angemessen berücksichtigt werden.

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